Aber musste es so geschehen?
Bini Adamczak und die verlorenen Möglichkeiten der Russischen Revolution
Am 7. November 1917 übernahmen die Bolschewiki in Petrograd die Macht. Ein Ereignis, das das 20. Jahrhundert tief prägen sollte und bis heute mit Hoffnungen auf gesellschaftliche Befreiung ebenso verbunden ist wie mit der Geschichte autoritärer Herrschaft.
Mehr als hundert Jahre später scheint die Geschichte abgeschlossen. Wir wissen, was auf 1917 folgte: Bürgerkrieg und Gewalt, die zunehmende Einschränkung politischer Freiheiten, die Herrschaft Stalins, Terror und Verfolgung – und schließlich, 1991, das Ende der Sowjetunion.
Aber musste es so kommen?
Diese Frage zieht sich durch zwei Bücher von Bini Adamczak, die bei edition assemblage erschienen sind: gestern morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft und Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom womöglichen Gelingen der Russischen Revolution.
Bini Adamczak: gestern morgen, edition assemblage.
Die Geschichte vom Ende her erzählen

In gestern morgen beginnt Bini Adamczak nicht 1917, sondern später – bei der Erfahrung des Scheiterns. Von dort bewegt sich der Text rückwärts durch die Geschichte der kommunistischen Bewegung: von 1939 zurück zu 1917.
Das verändert den Blick.
Wer die Geschichte der Russischen Revolution vom späteren Stalinismus aus betrachtet, läuft leicht Gefahr, ihr Ende bereits in ihren Anfang einzuschreiben: als hätte 1917 zwangsläufig zu dem führen müssen, was später geschah.
Adamczak interessiert sich dagegen für die Möglichkeiten, die unterwegs verloren gingen. Für Momente, in denen Geschichte noch nicht entschieden war. Für Wünsche, Beziehungen und Formen gesellschaftlicher Organisation, die begonnen wurden, aber nicht fortgesetzt werden konnten.
Es geht damit nicht darum, Gewalt oder autoritäre Entwicklungen zu relativieren. Im Gegenteil: Erst wenn das Scheitern ernst genommen wird, lässt sich fragen, was eigentlich gescheitert ist – und welche Hoffnungen mit ihm verloren gingen.
Der schönste Tag

Vom womöglichen Gelingen der Russischen Revolution Bini Adamczak
Noch konkreter wird diese Frage in Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman.
Der Anarchist Alexander Berkman wurde gemeinsam mit Emma Goldman und anderen politischen Gefangenen aus den USA deportiert und kam 1920 in Sowjetrussland an. Für Berkman schien sich zunächst ein lang gehegter revolutionärer Wunsch zu erfüllen.
Doch seine Begeisterung hielt nicht lange.
Die Entwicklung der bolschewistischen Herrschaft und insbesondere die gewaltsame Niederschlagung des Kronstädter Aufstands 1921 führten bei Berkman und Goldman zu einem tiefen Bruch mit der sowjetischen Regierung. Beide verließen Russland und kritisierten dessen autoritäre Entwicklung.
Bini Adamczak: Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman, edition assemblage.
Bini Adamczak setzt genau an diesem Bruch an.
Nicht nur mit der Frage: Warum scheiterte die Revolution?
Sondern auch:
Wie hätte sie gelingen können?
Gab es historische Momente, in denen andere Entscheidungen möglich gewesen wären? Andere Bündnisse? Andere Formen, gesellschaftliche Produktion und politische Macht zu organisieren? Hätte sich eine egalitäre, libertäre und solidarische Verbindung von Räten entwickeln können?
Geschichte ist nicht nur das, was geschehen ist
Solche Fragen wirken zunächst spekulativ. Geschichte lässt sich schließlich nicht zurückdrehen.
Doch der Blick auf nicht verwirklichte Möglichkeiten verändert auch den Blick auf die Gegenwart.
Denn wer Geschichte ausschließlich vom Ergebnis her betrachtet, lässt gesellschaftliche Veränderungen schnell unvermeidlich erscheinen. Was sich durchgesetzt hat, sieht im Rückblick leicht so aus, als hätte es sich durchsetzen müssen.
Adamczaks Bücher widersetzen sich dieser Vorstellung.
Sie suchen in der Vergangenheit nicht nach einer Blaupause für die Zukunft. Sie suchen nach abgebrochenen Versuchen, nach Niederlagen, Widersprüchen und Möglichkeiten.
Und damit nach einer Zukunft, die einmal denkbar war.
7. November 1917
Der Jahrestag der Oktoberrevolution ist deshalb nicht nur ein Anlass, auf ein historisches Ereignis zurückzublicken.
Er kann auch Anlass sein, anders nach Geschichte zu fragen.
Was war 1917 offen?
Welche gesellschaftlichen Hoffnungen verbanden Menschen mit der Revolution?
Wann wurden Möglichkeiten verschlossen?
Wer traf diese Entscheidungen – und welche Alternativen gab es?
Und was bedeutet es für politische Bewegungen heute, sich nicht nur an Siege zu erinnern, sondern auch an jene Zukünfte, die nicht verwirklicht wurden?
Bini Adamczaks gestern morgen und Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman geben darauf keine einfache Antwort.
Aber sie stellen eine Frage, die weit über die Russische Revolution hinausweist:
Wenn Geschichte anders hätte verlaufen können – welche Möglichkeiten erscheinen dann auch in unserer Gegenwart wieder offen?
Historische Daten zum Weiterlesen
Diese Geschichte hat viele Daten:
- 7. November 1917 – Oktoberrevolution: Die Bolschewiki übernehmen in Petrograd die Macht. Der 7. November entspricht dem 25. Oktober nach dem damals in Russland geltenden julianischen Kalender.
- 19. Januar 1920 – Berkman und Goldman erreichen Sowjetrussland: Nach ihrer Deportation aus den USA kommen Alexander Berkman und Emma Goldman an der russisch-finnischen Grenze an. Für Berkman ist die Ankunft zunächst mit großer revolutionärer Hoffnung verbunden. PBS
- 1. März 1921 – Kronstadt: Bei einer großen Versammlung in Kronstadt werden Forderungen nach neuen Sowjetwahlen sowie nach Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit beschlossen. Marxists Internet Archive
- 5. März 1921 – Vermittlungsversuch: Alexander Berkman, Emma Goldman und andere schlagen der sowjetischen Führung eine Kommission zur friedlichen Beilegung des Konflikts in Kronstadt vor. Der Vorschlag bleibt ohne Folgen. Marxists Internet Archive
- 7.–17. März 1921 – Niederschlagung von Kronstadt: Am 7. März beginnt der militärische Angriff; am 17. März wird Kronstadt eingenommen. Für Berkman und Goldman wird die Niederschlagung zu einem entscheidenden Bruch mit der bolschewistischen Regierung. Marxists Internet Archive
- 23. August 1939 – Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt: NS-Deutschland und die Sowjetunion unterzeichnen den sogenannten Molotow-Ribbentrop-Pakt. Ein geheimes Zusatzprotokoll sieht unter anderem die Aufteilung von Einflussgebieten in Osteuropa vor. Der historische Horizont von gestern morgen reicht bis in dieses Jahr.
Bini Adamczak bei edition assemblage
Bini Adamczaks Arbeit taucht im Programm von edition assemblage nicht nur in ihren beiden eigenen Büchern auf. Sie ist auch in Sammelbänden und kollektiven Zusammenhängen vertreten.
Bücher von und mit Bini Adamczak
- gestern morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft – Bini Adamczak
- Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom womöglichen Gelingen der Russischen Revolution – Bini Adamczak
- History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft – herausgegeben vom AutorInnenkollektiv Loukanikos, mit einem Beitrag von Bini Adamczak
- »etwas fehlt«. Utopie, Kritik und Glücksversprechen – herausgegeben von der jour fixe initiative berlin, mit einem Beitrag von Bini Adamczak
History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft, edition assemblage.
Gerade History is unwritten erweitert die Frage dieses Beitrags: Wie lässt sich Geschichte emanzipatorisch erzählen, ohne sie als abgeschlossene und widerspruchsfreie Erzählung zu behandeln? Der Sammelband versammelt Beiträge zu linker Geschichtspolitik und kritischer Wissenschaft.
»etwas fehlt«. Utopie, Kritik und Glücksversprechen, herausgegeben von der jour fixe initiative berlin, edition assemblage.
Auch »etwas fehlt« knüpft an die hier gestellte Frage an. Der von der jour fixe initiative berlin herausgegebene Band verbindet theoretische, historische und aktuelle Diskussionen über Utopie, Kritik und gesellschaftliche Alternativen.
kitchen politics
Bini Adamczak war außerdem Gründungsmitglied des Kollektivs kitchen politics, das bei edition assemblage die Reihe Kitchen Politics – Queerfeministische Interventionen herausgibt.
Zu der Reihe gehören unter anderem:
- Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution
- Sie nennen es Leben, wir nennen es Arbeit. Biotechnologie, Reproduktion und Familie im 21. Jahrhundert
- Mehr als Selbstbestimmung! Kämpfe für reproduktive Gerechtigkeit
- Die Neuordnung der Küchen. Materialistisch-feministische Entwürfe eines besseren Zusammenlebens
Bini Adamczaks Verbindung zu kitchen politics ist dabei als Geschichte des Kollektivs zu verstehen. Ihre Rolle als Gründungsmitglied bedeutet nicht automatisch, dass sie an jedem später erschienenen Band der Reihe als Autorin oder Herausgeberin beteiligt war.
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Bini Adamczak bei edition assemblage




















